Brasil das erste Mal 1994 - Reisebericht von gringo bei triplib.

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Brasilien
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Diese Reise hat mein Leben verändert! Ich habe mich erst durch diesen Trip kennen gelernt. Hat lange gebraucht, bis ich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück gekommen bin. Brasil ist meine zweite Heimat geworden!

São Paulo

Mein allererster Tag in Brasilien

An einem verregneten und kühlen 31.3. warte ich zu Hause in A., Süddeutschland auf meinen chaotischen Freund und dessen Vater, der uns beide zum Flughafen bringt. Ich kann schon seit Tagen nicht mehr klar denken, ich befinde mich wie im Trance: Reisefieber! Ich kann es kaum erwarten, endlich nach München zum Flughafen zu kommen. Dort haben wir über 3 Stunden Aufenthalt. Brasilien, das klingt schon so gut in meinen Ohren. Ich bin zu diesem Zeitpunkt 21 Jahre alt und habe keine Ahnung, auf was ich mich da eingelassen habe. Endlich, weite Welt, wir kommen. Nachdem wir uns in London mit lauwarmem Bier das Chaos der Wartehalle heruntergespült hatten, steigen wir endlich in den Flieger nach São Paulo. Das ist wirklich etwas ganz anderes. In Europa alleine zu verreisen bin ich gewöhnt, als alter Pfadfinder kann ich auch zur Not in einer lauschigen Bushaltestelle im Stehen schlafen. Aber São Paulo? Wie tickt eine der größten Städte der Welt? Mich beschleichen erste leichte Zweifel, die ich aber, mutig wie ich bin, sofort wieder vergesse. Ich kann ja auch nicht aus dem Flieger springen, selbst wenn ich wollte! Vielleicht hätte ich doch ein wenig mehr Portugiesisch lernen sollen als „Sim“ und „Cerveja“, vielleicht wäre es auch angebracht gewesen, in meinem schlechten Reiseführer nicht nur die tollen Bildchen anzusehen. Ach was, wir werden vom Onkel meines Freundes direkt von Flughafen abgeholt, das ist alles kein Problem. Und wenn der uns vergisst, genauso chaotisch ist, wie sein Neffe? Wir fliegen und fliegen und mir wird zum ersten mal bewusst, wie lange 11 Stunden sein können. Endlich, im brasilianischen Morgengrauen, beginnt der Landeanflug. Unglaublich, man fliegt ½ Stunde über ein Meer von Häusern und Straßenschluchten. Das alles soll nur eine einzige Stadt sein? Unvorstellbar! Das Flugzeug geht über in den Landeanflug, alles klappt wunderbar. Schön hell ist es hier! Wir können es kaum erwarten, endlich aus dem Flugzeug zu kommen.
Durch die unvermeidliche Röhre geht es in Richtung Abfertigungshalle. Eigentlich ganz normal, wie überall. Und so angenehm warm wie es hier ist. Auf einmal steht die Menge. Der Strom der Reisenden teilt sich in zwei Schlangen. Eine sehr lange und eine wesentlich kürzere. Was tun? „Lass uns einfach die kürzere nehmen! Wenn uns jemand fragt stellen wir uns einfach blöd!“ Das ist die erste und eine der wichtigsten Lektionen, die ich auf dieser Reise gelernt habe. Mach einfach mal, auch wenn du in deiner Aufregung oder Ignoranz die Schilder übersehen hast, die dir groß und breit anzeigen, dass es eine Passkontrolle für Ausländer und eine für Brasilianer gibt. Stell dich blöd und wenn dich jemand fragt, bleib einfach freundlich. Die Leute hier helfen dir, auch ohne Portugiesisch!
Aufgeregt zeige ich dem mürrisch dreinblickenden Passkontrolleur meinen brandneuen Reisepass und den „Cartao de entrada/saída“, diesen komischen Einreiseschein, den wir im Flugzeug ausfüllen mussten. Skeptisch und für meinen Geschmack unendlich lange begutachtet der Kontrolleur meine Papiere, die er dann schlussendlich geräuschvoll abstempelt und mir mit einem freundlichen Lächeln wahrscheinlich eine gute Reise wünscht, ich habe ihn leider nicht verstanden.
Glücklich darüber, die erste Hürde überstanden zu haben, warte ich auf meinen Reisekameraden. Gemeinsam irren wir durch die Abfertigungshalle, um das Gepäckband mit unserer Flugnummer zu suchen. Glücklicherweise war unsere Reisegruppe anscheinend die erste, die an diesem Morgen gelandet ist, und so stellen wir uns ganz automatisch an das einzige Gepäckband, an dem schon ungeduldige Menschen auf ihre sieben Sachen warten.
Problemlos bekommen wir unser Gepäck, was jetzt? Wir gehen den Leuten aus unserem Flugzeug nach, kommt jetzt noch eine Zollkontrolle? Ob die Brasilianer verstehen werden, dass wir neben Ersatzgummis für einen Schnellkochtopf original Münchener Weisswürste, Löwensenf, Fleischkäse und andere Leckereien aus der bayerischen Heimat zur Bekämpfung des Heimwehs mitbringen mussten? Was werden die Zöllner zu unserer Traveller-Nahkampfausstattung sagen, mit der wir uns wahrscheinlich eher einen Leistenbruch holen werden, anstatt im brasilianischen (Großstadt)- Dschungel zu überleben? Werden sie unsere mühsam am ganzen Körper verpackten Dollars suchen und wieviele werden sie davon behalten? Das alles schießt mir in Sekundenbruchteilen durch den Kopf. Wir gehen weiter in Richtung Ausgang und kommen zu einer Art Ampel, die im Moment noch auf grün steht. Augen zu und durch, denke ich mir. Wunderbarerweise kommen wir beide ungeschoren durch den brasilianischen Zoll und sind kurz darauf in der riesigen Wartehalle angekommen. Ein unverwechselbarer rotblonder Haarschopf mit einem markanten Schnauzbart sticht aus der Menschenmenge heraus. Mensch, das muss Uwe sein, der Onkel meines Reisekumpels Mathias. Warum geht er denn nicht gleich auf uns zu? Hier scheinen die Uhren wirklich anders, langsamer zu gehen. Uwe begrüsst uns mit einem wissenden Lächeln im Gesicht und stellt beim Anblick unserer umfangreichen Survival Ausstattung fest, dass wir nicht die ersten Neuankömmlinge wären, die glaubten, Brasilien läge im hintersten Busch.
Als wir das Flughafengebäude verlassen, werden wir von Hitze und Luftfeuchtigkeit schier erschlagen, und das um halb sieben Uhr morgens. Zum ersten mal in meinem Leben fühle ich diese angenehm schwere, warme und feuchte Luft, die für dieses tropische Land so charakteristisch ist. Meine Finger sind auf einmal nicht mehr trocken, wie ich das sonst kenne, sie fühlen sich samtweich an, wenn ich Daumen und Zeigefinger aneinander reibe. Jedes Mal, wenn ich wieder nach Brasilien kam, ist dieses Gefühl, „zu Hause“ in Brasilien anzukommen, von neuem einer der Höhepunkte. Dieses Land besitzt einen ganz besonderen Charme, der sich schon beim ersten Schritt ausserhalb von klimatisierten Flugzeugen und Flughafengebäuden auf den Besucher legt. Dieses Gefühle werde ich mein Leben lang nicht mehr missen wollen!
Wir gehen zusammen gemächlich und suchen Uwes Wagen, der dem deutschen VW Passat sehr ähnlich sieht, ein brasilianischer VW „Parati“. Klar, das berühmte „VW do Brasil“, die lange noch den legendären Käfer gebaut haben. Wir verstauen das Gepäck, steigen in den Wagen ein und kurbeln erst einmal alle Fenster nach unten. Und was sich da alles auf diesem sechsspurigen Highway tümmelt, auf dem wir Richtung Stadt fahren: Fahrradfahrer, unglaublich alte, langsame und hoffnungslos überladene LKW, beladene Eselskarren aber auch nagelneue Luxuswagen. Wie soll man sich in diesem Chaos zurechtfinden? Von einem geregelten Verkehrsfluss kann kaum gesprochen werden. Je näher wir der Stadt – oder sind wir vielleicht schon mitten drin – kommen, desto öfter stehen wir im Stau. Dann springen zerzauste Kinder in zerrissenen Klamotten auf die Strasse und versuchen, für ein kleines Entgelt entweder Scheiben zu reinigen oder irgendwelche Dinge über die geöffneten Wagenfenster an die Autofahrer zu verkaufen. Mir scheint es, als passiert hier in 10 Minuten mehr als in meiner deutschen Heimatstadt an einem ganzen Tag!
Schweigend sauge ich meine ersten Eindrücke von Brasilien auf. Die stinkende, schwarz schimmernde Kloake, die wohl vor langer Zeit einmal ein Fluss war, die prächtigen Kolonialbauten und die atemberaubenden Hochhäuser, Shoppingcenter. Der unvorstellbar riesige und sich unkontrolliert ausbreitende Gigastadt und die versteckten Grünzonen und Parks, die zum Erholen einladen. Die skurrilen Favelaberge und die abgeschlossenen Villenviertel der Reichen und Superreichen. Die Kontraste und Gegensätze sind krass, mit denen man konfrontiert wird, schon in den ersten Minuten. Mittelalter und Moderne, Reichtum und Armut, ungezügelte Freude und unvorstellbares Leid exestieren nebeneinander, ohne Vorwarnung, Abgrenzung und doppelten Boden. Wenn der Reisende damit umzugehen lernt, wird er dieses Land lieben, wenn nicht, die Tage und Stunden bis zur Abreise zählen.
Irgendwann werde ich aus meinen Tagträumen gerissen, Uwe sagt, dass wir uns seinem zu Hause nähern. Wir fahren in eine kleine Strasse, durch einen Schlagbaum, der von einem gelangweilten dunkelhäutigen Brasilianer bewacht wird. Macht der das den ganzen lieben langen Tag? Wir fahren über einen dieser überdimensionalen Hügel auf den Strassen, die den hitzköpfigen und undisziplinierten brasilianischen Autofahrern anscheinend Disziplin verordnen sollen. Wir sind in Santo Amaro angekommen, einem Stadtviertel mit angeblich 5 Mio Einwohnern. Unglaublich. Hier ist wirklich alles hermetisch hinter massiven Zäunen eingeschlossen und auf den Mauern sind zerschlagene Glasscherben einbetoniert. Das beruhigt mich zwar nicht, dafür sind wir in Brasilien. Wir gehen ins das Haus das fast so aussieht wie in Europa, schön kühl hier. Drinnen empfangen uns die beiden deutschen Geschäftskollegen von Uwe und eine Hausangestellte überschänglich. Sie klopfen uns mit der rechten Hand auf die Schultern und ich fühle mich sofort zu Hause. Kein gequälter Smalltalk, keine Distanz. Die Hausangestellte drückt uns Küsschen rechts und links auf die Wangen. Wir werden mit einem deftigen Münchener Frühstück mit Leberkäs, bayerischen Brezeln und einem fast gefrorenem Bier emfangen. Das haben unsere Gastgeber eben hier beim Münchener Metzger erstanden. Für was haben wir eigentlich unter Einsatz unseres Lebens die ganzen bayerischen kulinarischen Spezialitäten eingeschmuggelt, wenn es hier eh schon alles gibt? Ob wir Lust hätten, ein Spiel von Bayern München aus der Fussball Bundesliga live im Fernsehen anzusehen? Ein paar Jungs hätten Premiere geknackt und das wäre ganz legal und in bester Qualität zu empfangen. Fussball Bundesliga live hatte ich dahin selbst in Deutschland noch nie, dafür musste ich erst nach Brasilien fliegen!
Irgendwie ist alles ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Irgendwie bekannt aber doch so fremd. Es fühlt sich aber gut an. Während wir aus dem Staunen nicht herauskommen, beschleicht mich das Gefühl, dass dies wohl nicht der letzte Hammer ist, der mich hier in Brasilien treffen würde. Das war es doch, was ich suchte, oder etwa nicht? Brasilien, ich liebe dieses Land!


Sonstiges

brasilianisches Bier

Brasilianisches Bier geht mir als geborener Bayer nur sehr langsam in den Kopf, zuerst drückt es mir tierisch auf die Blase! Ich habe keine Ahnung, welche Zutaten die angeblich im bayerischen Weihenstephan ausgebildeten meist deutschen Brauer in dieses brasilianische Bier hineinmixen, mit Reinheitsgebot und Wasser, Gerste und Malz kann dieses Gesöff aber nur wenig zu tun haben! Deswegen muss man es fast gefroren trinken, dass man nicht schmeckt, was man sich in rauen Mengen hinter die Binde kippt. Und wehe man beginnt damit, die unzähligen Biere aufs Klo zu tragen, dann kann man sich den Platz an der Schüssel gleich häuslich einrichten! Richtig übel wird es für mich erst dann, wenn Bier mit härteren Getränken wie Cuba Libre oder dem in Brasilien so beliebten Whisky vermischt wird. Dann steigt einem der Alkohol bei der Hitze ganz schnell gehörig in den Kopf.

Meine Bewertung

Weitere Infos
 

Rio de Janeiro

Tour de Rio – Rio mit dem Stadtbus entdecken: Eine Etappe

Wenn ich daran denke, wie langweilig es ist, sich in Deutschland mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen, denke ich jedes Mal wehmütig an Brasilien und die Geschichten, die ich dort in Bussen und sonstigen Gefährten erleben durfte. Ich bin zwar sicher, dass Millionen Brasilianer alles dafür geben würden, sich irgendwie ein eigenes Auto leisten zu können – um genau von diesen Bussen, VW Bullies und sonstigen Fahrzeugen unabhängig zu werden, die es mir so angetan haben. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich in Brasilien zum ersten Mal an einer öffentlichen Bushaltestelle stand und mein Bus, auf den ich schon über 20 Minuten gewartet hatte, einfach weiterfuhr, weil ich nicht wusste, dass man Busfahrern mit einem Handzeichen signalisieren muss, dass man genau in diesen Bus einsteigen möchte. Eines meiner schönsten Erlebnisse mit Stadtbussen, das ich hier skizzieren möchte, habe ich zusammen mit 3 Freunden in Rio erlebt: unsere Tour de Rio! Zur Nachahmung dringend empfohlen (allerdings nur für weniger ängstliche Naturelle). Hier die erste Etappe:

Wir wohnen in einem guten und bezahlbaren Hotel im Stadtteil Botafogo, das wir nach einer abenteuerlichen Anreise aus São Paulo dank der Hilfe einer der nettesten und hilfsbereitesten Brasilianerinnen, die ich jemals kennen lernen durfte, gefunden haben. Es ist ziemlich heiß und der Schlafmangel, der sich in den letzten beiden Wochen Intensivtrip Brasilien angestaut hat, macht sich immer mehr bemerkbar. Doch schlafen können wir wieder im langweiligen Europa. Wir trinken ein paar Cafezinhos mehr und die Angst, etwas verpassen zu können, treibt uns jeden Morgen aufs Neue aus den Betten. Ich wurde zum großen Touristguide auserwählt, weil ich in den vergangenen Tagen ein paar Wortfetzen Portugiesisch aufschnappen konnte und, so sehe ich das, die anderen mir diesen Job aus Faulheit und Bequemlichkeit in die Schuhe geschoben haben. Dieser Job hat aber auch Vorteile: man kommt immer sehr schnell mit Brasilianern in Kontakt und lernt so ganz automatisch Portugiesisch, ob man will oder nicht! Was mir sehr hilft ist die brasilianische Mentalität: ich verspüre hier in Brasilien, obwohl das eigentlich gar nicht mein Naturell ist, keinerlei Hemmungen, mit Händen und Füßen zu kommunizieren.
Nach einem ausgiebigen Frühstück gehe ich also mit klopfendem Herzen in die Hotellobby und warte auf einen der Gerentes (Hotelmanager), der zu meinem großen Erstaunen hervorragend Englisch spricht. Ich frage ihn, ob wir bei ihm eine geführte Sightseeing Tour buchen könnten, um Zuckerhut, Corcovado und den berühmten Botanischen Garten zu erkunden. Da schaut mich der Typ ganz entgeistert an und erklärt mir mit seiner sympathischen, verrauchten Baßstimme, dass für junge Kerle wie uns eine Tour mit dem normalen Stadtbus viel besser wäre. Er schreibt mir ein paar Nummern auf eine Visitenkarte des Hotels und erklärt mir, dass gleich an der Straßenecke
in der Nähe des Hotels alle wichtigen Busse vorbeifahren würden. Leicht verdattert bedanke ich mich bei ihm und gehe ins Hotelzimmer, um mich mit Sunblocker einzucremen und meine Kollegen von unserer Tour zu überzeugen. Normalerweise würde es bei solch verrückten Ideen endlose Diskussionen zwischen uns geben, aber hier in Brasilien sind die Jungs anscheinend schon auf alles gefasst. Ohne brauchbares Wörterbuch und nur mit einem sogenannten Reiseführer ausgestattet, den seinerzeit sogar Alexander von Humboldt in hohem Bogen ins Meer geworfen hätte, legen wir los in Richtung Pão de Açucar. Wir stehen an einer vierspurigen Einbahnstraße und der Verkehr rauscht nur so an uns vorbei. Ein Stadtbus reiht sich an den anderen und wir sind kaum in der Lage, die Nummern beim Vorbeifahren zu erkennen, geschweige denn so schnell zu reagieren, um den „richtigen“ Bus dann auch noch mit einem Handzeichen anzuhalten und einzusteigen. Ich stelle mich zu einer Gruppe von Brasilianern und deute auf die Zahl des Busses auf meiner Visitenkarte, der uns zum Zuckerhut führen soll. Die Leute sind richtig nett. Ich verstehe kein Wort von dem, was sie mir erklären, aber ein paar Minuten später sind wir in einem der berüchtigten Stadtbusse von Rio und fahren durch die 9 Millionen Metropole, ohne wirklich Ahnung zu haben, ob wir jemals dort ankommen werden, wo wir hin wollen. Die Meute drückt uns von hinten gegen das obligatorische Drehkreuz, das Fahrgäste mit und ohne Fahrkarte voneinander trennt. Ich bin ganz schön angespannt, nicht zuletzt deshalb, weil ich keine Ahnung habe, wie ich dem Cobrador (Schaffner) klarmachen soll, dass wir bis zum Zuckerhut fahren wollen. Ich stehe vor dem Drehkreuz und versuche ihm mit Händen und Füssen zu erklären, dass ich für uns vier zusammen bezahlen will. Er sieht mich fragend an, lächelt, und denkt sich ganz sicher seinen Teil. Ich bezahle für alle und wir gehen durch das Drehkreuz und finden glücklicherweise alle einen Sitzplatz.
Wer deutsche Busse gewöhnt ist, muss sich erst einmal an die äußerst ruppige Fahrweise der brasilianischen Motoristas (Busfahrer) gewöhnen. Das ist hier ein ständiges, abgehaktes Stop and Go und jeder Gang wird voll ausgefahren. Selbst wenn man vermeintlich sicher auf seinem Platz sitzt, sollte man sich so gut wie möglich an den Haltestangen festklammern, da man sonst schon einmal von seinem Sitz kippen kann. Die Jungs hier kennen anscheinend nur zwei Stellungen des Gaspedals: Standgas und Vollgas! Als es einmal ein paar Meter geradeaus geht, sitze ich ein wenig in Gedanken versunken da und träume vor mich hin, als der Wahnsinnige am Steuer mit voller Geschwindigkeit eine Kurve schneidet und ich ganz ehrlich Angst habe, das Ding könnte jeden Moment umkippen. Gott sei Dank habe ich eine Hand an der Haltestange, sonst wäre ich schon längst dem Fahrgast auf der anderen Seite der Sitzreihe in den Schoß gekracht. Anscheinend will der Großteil der Busfahrer ihrem großen brasilianischen Idol Ayrton Senna nacheifern – fahren tun sie jedenfalls so. Deswegen haben wir auch hier in Rio einen neuen Sport kreiert, der kostengünstig und spannend zugleich ist: Bussurfen. Man muss sich an den Haltestangen einhalten wie an einem Segel beim Windsurfen, um nicht entweder aus dem eigenen Sitz oder auf den nächsten Fahrgast geworfen zu werden. Am lustigsten ist das Ganze natürlich, wenn der Bus total überfüllt und weit und breit keine Haltestange zu ergattern ist. Brasilianische Busfahrer möchte ich übrigens gerne einmal in Deutschland in den dort anscheinend wesentlich stärker motorisierten Bussen erleben, das wäre wirklich eine Show!
Da ich ganz in der Nähe des Cobradors sitze, versuche ich ihm noch einmal klar zu machen, dass wir an der Haltestelle des Zuckerhuts aussteigen möchten. Als ich unter Mühen mein „Paudasuka“ ohne jeglichen Nasal und jCarioca-Dialekt herauswürge, fängt der gesamte Bus an zu lachen. Aber ich bin in Urlaubsstimmung und lache einfach mit, was uns anscheinend weitere Sympathien bei den Fahrgästen einbringt. Der Schaffner nickt ganz eifrig und erzählt mir ein paar Dinge, von denen ich wieder kein Wort verstehe. Wir fahren immer weiter und die Minuten ziehen sich endlos. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass wir aus Sicherheitsgründen keine Armbanduhren bei uns tragen und wir noch mehr als sonst das Zeitgefühl verlieren. Doch Rio ist wunderschön, wirklich! Selbst die Favelas auf den vielen Hügeln sehen aus der Ferne betrachtet malerisch aus. Der Mix zwischen dem üppigen Grün der Hügel, dem Blau des Himmels und des Meeres bietet einen wunderbaren Kontrast zu den hellen Farbtönen der Strände und den traumhaften Buchten. Für mich ist Rio eindeutig die am schönsten gelegene Stadt der Welt! Ganz zu schweigen natürlich von den Cariocas, den einmaligen, schönen und besonderen Menschen dieser faszinierenden Stadt. Besonders begeistert bin ich von den vielen fröhlichen und hübschen Schulkindern in ihren Uniformen, die sofort jeden Bus zum Leben erwecken. Ich liebe es, sie aus dem Stadtbus aus zu beobachten und sie lachen zu sehen. Sie haben so viel positive Energie, sie stehen für das Leben, die Zukunft dieser Gesellschaft! Nur ab und zu fährt mir der Schrecken in die Glieder, wenn wieder einmal von ganz in der Nähe Salven zu hören sind, die sich erschreckend echt nach Maschinengewehren anhören. Ein Freund hat mir einmal erzählt, dass die Jungs in den Favelas so ihre Siege gegen ihre Feinde feiern würden – wie immer die auch aussehen mögen. Ich rede mir lieber ein, dass ein paar Kracher von der letzten Silvesterparty übrig geblieben wären!
Wir sitzen immer noch im Bus und meine Kumpels und ich werden langsam immer ungeduldiger... bis der Cobrador mich endlich ruft. Ich erwache schlagartig aus meiner Lethargie, stehe von meinem lieb gewonnenen Sitzplatz auf und trommle meine Freunde zusammen. Wir wollen sofort aussteigen, doch der Kassierer brüllt dem Fahrer etwas zu. Daraufhin hält dieser uns vom Aussteigen ab und der ganze Bus fängt zum wiederholten Mal an zu lachen. Wartet nur, bis ihr nach good old Germany kommt, meine Freunde! Die Stimmung in Bus ist sehr gelöst. Die Fahrgäste scheinen sich jedenfalls über unsere Unbeholfenheit sichtlich zu amüsieren. Kurz darauf deutet der Fahrer an, dass wir an der Haltestelle zum Zuckerhut angekommen wären. Nichts davon zu sehen, weder ein Touristenkiosk noch die Godel, die so oft auf Bildern und im Fernsehen zu sehen ist. Nur ziemlich hohe Häuser und Straßenschluchten. Trotzdem steigen wir aus, hier und jetzt, irgendwo in Rio. Wir überqueren einen Platz und hinter ein paar Wohnanlagen kann ich endlich den Bondinho, wie die Cariocas die Gondel auf den Zuckerhut liebevoll nennen, erkennen. Wie ein Schilift, mitten in Rio, bei über 30 Grad im Schatten. Wir kaufen uns die recht teuren Fahrkarten und steigen ein. Ein lustiges Gefühl, eine Schigondel in kurzen Hosen und T-Shirts zu betreten, wenn kein Gebirge weit und breit zu sehen ist. Vor allem die brasilianischen Touristen schauen ziemlich verunsichert, so als würden sie der ganzen Konstruktion der Gondel nicht trauen. Für mich als Schifahrer ist die Gondelfahrt ein tolles Ergebnis – wenn ich mich umsehe haben viele der Fahrgäste Schwierigkeiten, ihren Mageninhalt bei sich zu behalten. In diesen Augenblicken fühle ich mich so wie wahrscheinlich vorher die Brasilianer in ihren Stadbussen – sicher, wohl wissend, was auf mich zukommt und mit ein wenig Vorfreude die angestrengten Gesichter betrachtend, die das Ganze zum ersten Mal über sich ergehen lassen.
Wow, was für eine Aussicht, unfassbar!. Wir steigen an einer Art Mittelstation aus, dem Morro da Urca. Hier nehmen wir die nächste Gondel auf den eigentlichen Zuckerhut. Das Panorama übertrifft unsere Erwartungen bei weitem. Die Aussicht vom Zuckerhut ist wirklich atemberaubend. Wir stehen auf einem riesigen Felsen einer Halbinsel, umgeben von Meer, Pflanzen, Wohn- und Häuserblocks, einer riesigen Brücke, Stränden und sogar einem Flugplatz, und alles mitten in der Stadt. Überwältigt lassen wir die Eindrücke auf uns wirken. Wir machen ein paar Beweisfotos für zu Hause und unsere Enkel. Langsam schwindet die Anspannung und Schübe von Müdigkeit fahren in meine Glieder. Ein Erholungsurlaub sieht wahrlich anders aus. Doch wir haben Geschichten zum Erzählen, und das ist doch eigentlich der Grund, warum man so weit von zu Hause wegfährt! Wenn ich nur tolle Strände haben wollte, würde ich All Inclusive in der Dominikanischen Republik buchen!
In einer Lanchonete (Snackbar) stärken wir uns mit Cafezinhos, Cola und kleinen Snacks. Als wir so in den Plastikstühlen sitzen, erklärt mir einer der Jungs mit einem Kopfschütteln, dass er mir so eine verrückte Tour nie zugetraut hätte. Und lacht dabei. Er hielt mich bis dahin immer für einen zurückhaltenden und abgeklärten Typen! Wie sich Menschen verändern können, hier im País Tropical! Nachdem wir uns an Rios Attraktionen satt gesehen haben, steigen wir wieder in den Bondinho und fahren ins Tal. Die nächste Herausforderung wartet schon: Gibt es einen Stadtbus, der uns von hier zum Corcovado, unserem nächsten Etappenziel, fährt?


São Paulo

São Paulo: Die brasilianische Polizei, (m)ein Freund und Helfer!

Spinnt der? Meint der wirklich diese meist arrogant und überheblich dreinblickenden Typen, deren reiner Anblick schon genügt, um sich mental schon einmal von den paar Reais, die in der eigenen Hosentasche stecken, zu verabschieden? Wegen deren individuellen Gesetzesauslegungen der Reisepass bzw. der Führerschein grundsätzlich mit Dollars gepolstert ist? Die nie da sind, wenn man sie braucht? Ja, genau die! Ich möchte ein kleines Loblied auf die brasilianische Polizei anstimmen, die mich bis jetzt in brenzligen Situationen weder ausgenommen noch inhaftiert, sondern regelrecht vor Unheil bewahrt hat. Folgende Geschichte erklärt warum!

Mein Freund Manfredo, ein seit vielen Jahren in Brasilien lebender ungarisch stämmiger bayerischer Autofreak und ich brausen in seiner silbermetallic glänzenden James Dean Porsche Spider Replica mit so ca. 140 Sachen durch die 8-spurigen Stadtavenuen São Paulos. Man sitzt in diesem Wagen so tief, dass man grösseren Hunden schon einmal mitten ins Auge sehen kann. Das ist kein Witz! Das Ding hat zwar nur einen aufgeblasenen Käfermotor als Mittelmotor eingebaut, dafür wiegt der Wagen auch kaum 500 kg. Und der Sound, Wahnsinn! Der Wind bläst mir ins Gesicht, das Wetter ist super und ich kann mir im Moment absolut nichts Besseres vorstellen, als mit Manfredo in diesem verkleideten Gokart eine der verrücktesten Städte der Welt zu erkunden. Ich bin das erste Mal, so seit vielleicht 4 Wochen, in Brasilien und staune Bauklötze, was jeden Tag so auf mich an spannenden und aufrührenden Dingen einstürzt. Und das, obwohl ich als Urlauber eigentlich gar nichts zu tun habe. Plötzlich bremst Manfredo so abrupt ab und mich presst es dermaßen in den 4-Punkt Gurt des Spider, dass ich nur mit Mühe mein Mittagessen behalten kann. Was ist passiert? In breitestem Bayerisch flucht Manfredo auf den Keilriemen und erklärt mir, dass er sofort einen neuen besorgen müsse, da sonst der geliebte Porsche überhitzen würde und wir nicht einmal mehr die nächste Kreuzung erreichen würden. Ich solle im Wagen sitzen bleiben und aufpassen, dass er nicht geklaut werden würde. Bevor ich meine Bedenken aussprechen kann, hat er den Spider schon an den Straßenrand geparkt, ist aus dem Wagen gesprungen und macht sich daran, die Treppen des sehr hohen und steilen, mit Gras bepflanzten Abhangs in Richtung irgendwelcher Häuser hinauf zu spurten. Ich sitze wie parallelisiert in diesem Traumauto während mein Gehirn langsam anfängt, die eigentliche Situation zu erfassen. Ich habe keine Ahnung wie und wo Manfredo schnell an einen passenden Keilriemen kommen will, ich weiß nur, dass er weg ist. Erst jetzt bemerke ich, dass wir vor einer Art Garage stehen, die ziemlich verfallen ist. Sind das hier etwa Einschusslöcher? Ein leichter Schauer läuft mir über den Rücken. Hoffentlich kommt Manfredo schnell zurück! Und dann sehe ich ihn... einen sehr muskulösen Schwarzen, der sich geschmeidig wie eine Katze am Straßenrand hin und her bewegt. Ich versuche, ihn möglichst unauffällig zu beobachten. Das ist natürlich völliger Blödsinn, da ich europäisch gekleidet, blond und für Brasilianer kalkweiß bin. Und ich sitze dazu noch in einem Porsche Spider! Der ist selbst in São Paulo eine Rarität!
Die Sekunden verrinnen unendlich langsam und der Angstschweiß steht mir auf der Stirn, obwohl wir bestimmt 30°C haben. Oh Mann, ich habe nicht einmal ein paar dieser Copacabana-Dollars bei mir, die ich dem Typen abdrücken könnte! Jetzt erkenne ich, dass ein Auge des Muskelmanns so groß ist wie ein Straußenei. Es scheint aus zu laufen! Wahrscheinlich steht er unter irgendwelchen Hammerdrogen, von denen ich in einer dieser blöden Entwicklungsländer-Reportagen im Fernsehen gehört habe. Wo bleibt denn nur Manfredo? Die Angst nimmt mich gefangen, während neben mir in Fahrtrichtung Autos und Lastwagen in 4 Spuren an mir vorbeirasen, so schnell, wie der Verkehr es so eben zulässt. Mein Leben zieht in diesem Moment wie ein kurzer, heftiger Film an mir vorüber, als ein weiterer bulliger Brasilianer mit gezücktem Colt den steilen Abhang herunter gesprintet kommt. Ohne Vorwarnung rennt er sofort auf den Schwarzen zu und streckt ihn mit einem brutalen Fußtritt zu Boden. Dies passiert innerhalb von Sekundenbruchteilen. Das erste, was ich bewusst wahrnehme, ist der riesige Colt, der im Gürtel des Typen steckt. So einen großen Colt habe ich noch nie gesehen, live sowieso nicht! Die existierten für mich bis jetzt nur in schlechten amerikanischen Filmen. Jetzt kommt auch noch ein zweiter Typ hinterher gerannt. Ich bin so perplex, dass ich nicht einmal mehr Angst verspüre. Der Mann mit dem Colt versucht mit mir zu reden, aber mein Vokabular reicht über „sim“ und „não“ nicht hinaus. Ich kann nur mit den Achseln zucken und hoffen, dass ich keine Kugel abbekomme. In diesen Sekunden bereut man alle Sünden, die man jemals begangen hat. Mir schießen Horrorszenarien durch den Kopf, dagegen ist der Film „Cidade de Deus“ ein Kindermärchen. Ich habe keine Ahnung, was hier abgeht! Ich will nur nicht durch eine Kugel hier im Betonlabyrinth von São Paulo sterben. Nicht so und nicht jetzt! Ich bin noch so jung! Machen kann ich nichts, nur abwarten und hoffen. In diesen Augenblicken fangen selbst Nichtgläubige an zu beten! Wie durch Geisterhand gerufen kommt nun auch mein Kollege Manfredo den Abhang heruntergehastet. Er muss anscheinend gespürt haben, dass etwas nicht in Ordnung ist. Aufgeregt fängt er an, mit den beiden hinzugekommenen Brasilianern zu diskutieren. Der schwarze Muskelmann liegt immer noch mehr oder weniger regungslos am Boden und gibt keinen Laut von sich. Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hat, erklärt mir Manfredo, dass die beiden Zivilpolizisten seien, die mich von einer Brücke aus in meiner Notsituation, die ich bis jetzt gar nicht so empfunden hatte, entdeckt hätten. Sie waren überzeugt, dass ich in den nächsten Momenten überfallen worden wäre und hätten deshalb sofort eingegriffen, um mich kleinen Gringo vor Schlimmerem zu bewahren. Total erschlagen schaue ich, immer noch im Spider sitzend, von einem Gesicht zum anderen. Manfredo versucht gerade, meinen Rettern etwas Geld zu geben und sich so für ihren selbstlosen Einsatz zu bedanken. Doch sie lehnen stolz ab, als Manfredo seine Brieftasche zückt. Das kann sogar ich ohne Portugiesisch verstehen! Sie packen meinen verhinderten Widersacher grob am Arm und jetzt sehe ich, dass dieser bereits mit einer Art Kabelbinder gefesselt ist. Sie verabschieden sich freundlich und zeigen mir den obligaten „alles klar“ Daumen, das Zeichen, das selbst Brasil-Novizen ab dem ersten Tag verstehen und intuitiv in ihr Kommunikationsrepetoir einfügen, auch wenn sie kein Wort Portugiesisch sprechen. Ich fasse es kaum, was in den letzten paar Minuten passiert ist. Ich hatte wirklich unglaublich viele Schutzengel! Die beiden Polizisten und der Schwarze steigen den steilen Abhang hinauf und verschwinden. Manfredo scheint mir ein wenig benommen von den Vorkommnissen, versucht aber, sich nichts davon anmerken zu lassen. Was ist jetzt zu tun? Der Keilriemen hängt immer noch in Fetzen und wir stehen an einer so blöden Stelle, dass wir anscheinend das ganze Spiel wiederholen müssen. Manfredo fährt den Spider ein paar Meter nach vorne und stellt den Wagen in eine Art Einfahrt, wahrscheinlich nur, damit ich mich ein wenig besser fühle. Er versichert mir beim Aussteigen, dass er sich beeilen werde und schon lässt er mich wieder alleine zurück. Die Minuten wollen überhaupt nicht verstreichen. Ich habe noch mehr Angst als vorher, bin wie gelähmt! Die Zeit will einfach nicht vergehen und ich frage mich zum ersten Mal, ob ich nicht doch besser im sicheren und behüteten Deutschland geblieben wäre. Glücklicherweise kommt Manfredo mit einem brasilianischen Mechaniker einigermaßen schnell wieder zurück. Dieser baut geschickt mit einer Art Hebelwerkzeug und ein paar Schraubenschlüssel einen neuen Käfer-Keilriemen ein, ganz einfach, auf einer 8 spurigen Hauptstraße. Käfer und dessen Ersatzteile gibt es in Brasilien noch wie Sand am Meer! Manfredo bezahlt die Reparatur und wir brausen weiter. An diesem Tag sind wir beide dann doch etwas schweigsamer als sonst. Das Ding hätte auch tierisch ins Auge gehen können. Aber wie gesagt, seit diesem Erlebnis finde ich die brasilianische Polizei wirklich super! Was aber zugegeben meine rein subjektive Sichtweise ist!


 

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Schlagwörter: Brasil, Rucksack, Geschichten