Radwanderung am Niederrhein - Eine Wanderung durch Raum und Zeit - Reisebericht von Guido bei triplib.

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Guido
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Niederrhein


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Mit dem Rad durch Agrarlandschaften

Kurz hinter der deutsch-niederländischen Grenze geht es ein Stück bergauf und dann lange abwärts. Am Ortseingang von Herongen hat ein Riese mit grauweißen Dominosteinen gespielt. Die Lagerhallen des Agrargroßvermarkters Landgard bestimmen das Landschaftsbild. Das Dorf im Tal ist kaum größer als das Betriebsgelände. Die Genossenschaft verfügt über 25.000 m² Kühlhausfläche. Die verteilen sich auf Ländergesellschaften in Tschechien, Frankreich, Italien und in der Schweiz. Hier in Herongen verkauft die Genossenschaft Obst, Gemüse und Blumen. Obst und Gemüse werden nach eigenen Angaben fast ausschließlich in Betrieben der Region bis hin zur Kölner Bucht angebaut. Die Firma ist mit einer Milliarde Umsatz Deutschlands Nummer eins.

Der Erfolg begann 1910 mit der schlichten Idee, das System der industriellen Revolution auch auf die Pflanzenproduktion zu übertragen. Die Firmengründer führten industrielle Produktions- und Vermarktungssysteme im Agrarsektor ein. Ihre Berater schufen die Erzeugerbetriebe, die zur standardisierten Massenproduktion erforderlich waren. Erdbeere, Spargel und Co. wurden damit zu industriellen Werkstücken. Geschmack, Aussehen, Größe – alles muss bis heute einheitlich sein. Ohne exzessiven Gebrauch von Geräten, Kunstdünger, Pestiziden und hochgezüchteten Pflanzensorten ist der Erfolg der Firma undenkbar. Leergeräumte Agrarlandschaften und Agrarprodukte, die nur noch entfernt mit dem zu tun haben, was vorher angebaut wurde, sind die Folge.

Im Tal riecht es streng nach Senf. Man muß das mögen, wenn man hier lebt. Im Talkessel braut die Firma Kühne zusammen, was bei einer deutschen Bratwurst nicht fehlen darf. Selbst in Sachen Senf wirft Karl der Große seinen langen Schatten. Das bereits vor dreitausend Jahren in China geschätzte Gewürz wird in Mitteleuropa erstmals - als sinape (Weißer Senf) - in seiner Landgüterverordnung Capitulare de villis curtis imperiii erwähnt. Natürlich hat er das Schwert nicht mit der Feder vertauscht. Ein Dominikanerabt hat das umfangreiche kaiserliche Dekret in seinem Auftrag verfasst. Karl war jedoch ein großer Kenner der Gewürze und Kräuter. Hartnäckig hält sich die Legende, er habe den Schaugarten hinterm Aachener Dom selbst angelegt. Sicher ist jedoch, dass er dessen Anlage befohlen hat Das hatte viele Gründe: Kräuter blühen, duften, ernähren, beleben und heilen. Karl wusste, dass gegen fast jedes Zipperlein ein Kraut gewachsen ist. In seinem mittelalterlichen Gesundheitsbuch beschreibt Matioli die Wirkung von Senf so: „Sinapi in der speiss genossen ist gutt dem magen, zerteylt die groben speyss und verzeret die überflüssige feuchtigkeit darinnen, fördert den harn und die frawenzeit, reumt die brust macht wohl ausreuspert, ist derhalben Butt denen, welche den Atem schwerlich aus und einziehen.“

Das Dorf gehört bereits zum Niederrhein, obwohl die Landschaft mit ihren sanften Hügeln hierfür absolut untypisch ist. Typisch Niederrhein ist allerdings, dass dazugehört, wer sich dazu zählt. Mangels Alternative zählt sich auch Herongen dazu. Weder geographisch noch historisch bildet das Gebiet eine Einheit. Mit dem Kern des Rheinlandes um Köln hat man herzlich wenig zu tun, mit den angeblich stocksteifen Westfalen sowieso. Die Verbindungen zu den Niederländern sind oft stärker. Wenn man mit der Westbahn nach Kleve fährt, passiert man Haltestellen wie Nieukerk, die man eher jenseits der Grenze vermuten würde.

Unter Vordächern stehen Menschentrauben. Manche haben nicht unwesentliche Teile ihres Mobiliars vor die Tür geschleppt. Ich fahre die Parade ab und kann mich gerade noch beherrschen, huldvoll zu winken. Keine Ahnung, was hier abgeht. Ein Umzug ist es allemal. Und dessen Hauptdarsteller bin ich nicht, soviel ist mir klar. Kurze Zeit später erreiche ich Straelen. Eigenmotto: „Alles im grünen Bereich“. Was Landgard nicht frisch verkauft, friert Bofrost hier ein. Verkauft wird es dann in praktischen Eisblöcken an sechs Millionen Haushalte in Europa. Das Zentrum der Landwirtschaft und des Gartenbaus hat in den letzten Jahren den Stadtkern umfangreich saniert. Die Pfarrkirche überragt den Marktplatz, der von Bürgerhäusern umsäumt ist.



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„Aber der Wolf fand sie …“

Die Landstraße hinter Straelen verläuft entlang der Grenze. Hinter Twisteden wird die Straße schon wieder belagert, diesmal von Fußgängern. Ursache ist ein Maislabyrinth aus mehreren Millionen Pflanzen. Der biologisch abbaubare Freizeitpark zieht an diesem sonnigen Abend hunderte Besucher an.
Direkt hinter dem Dorf schlage ich mich in die Büsche. Ich stelle das Biwak in einer kleinen Lichtung auf, hänge meine feuchten Klamotten in die Abendsonne und setze mich rauchend ins Gras. Plötzlich steht ein Pferd vor mir und schnaubt. „Sagen sie was, dann hat er nicht soviel Angst.“ säuselt dessen Besitzerin hoch oben auf dem gewaltigen Tier. Ich denke bei mir „Wenn hier jemand Angst haben sollte, dann doch wohl ich“. Dennoch erfülle ich bereitwillig den Wunsch. Ich rede auf das Tier ein - und subito sind die beiden auf und davon. Die Dame ruft mir noch hinterher „Schönes Plätzchen, das sie sich da ausgesucht haben!“ Ohne Pferd schon.
Ich scheine mitten in einer Art Wildwechsel für domestizierte Vierbeiner geraten zu sein, denn bereits in der Morgendämmerung bekomme ich erneut Besuch. „Aber der Wolf fand sie und verschluckte eines nach dem anderen. Nur das jüngste in dem Uhrkasten, das fand er nicht.“ schrieben die Gebrüder Grimm. Ich bin noch im Halbschlaf, da höre ich in meinem Uhrkasten heftiges Schnaufen. Dazu pfeift es silberhell. Die Bestie zeigt sich von der Hundepfeife unbeeindruckt. Ihre Magensäfte sind aktiviert, doch ihr Rudelführer meint offensichtlich immer noch, alles unter Kontrolle zu haben. Getrieben von meiner Blase, krieche ich Ewigkeiten später aus dem Biwak und schaue direkt in ihr sabberndes Maul. Das Kalb glotzt zurück. Es bellt nicht, es beist nicht. Das ist ein guter Beginn für unsere Bekanntschaft. Ich rede auf das Tier in ein. Beruhigend, wie ich meine. Doch schon bald kommt mir der Gedanke, dass die Bestie das anders sehen könnte. Also höre ich wieder auf damit. Wir blicken uns noch Ewigkeiten in die Augen. Dann verschwindet das Monster gelangweilt. Ist das die Outdoor-Variante des Aussitzens? Jedenfalls passe ich – Chappi sei Dank - nicht in sein Beuteschema. Schweißnass lege ich mein Pfefferspray wieder zur Seite, hadere jedoch zum wiederholten Mal damit, dass unsere Vorfahren auf den Hund kamen. Ich kann mir nicht abgewöhnen, auch im süßesten Pudel noch den Wolf zu sehen.

Zweihundert Meter von meinem Lager entfernt treffe ich erneut auf Bestien. Es handelt sich um eine größere Meute. Dennoch bin ich keineswegs beunruhigt. Das Rudel befindet sich six feet under. Die Gräber sind so groß wie Urnengräber und mindestens so liebevoll bepflanzt. Ich habe so ein Endlager für Vierbeiner noch nie gesehen. Daher kenne ich die Benimmregeln nicht. Ist jetzt ‚pietätvoll Schweigen’ angesagt? Oder darf ich auf einem Hundefriedhof vor mich hinsummen? Rührend bis herzzerreißend sind die Inschriften der Marmorgräber: „Geliebter treuer Freund. Du warst immer für mich da.“ So what? Chappi macht’s möglich.

Nieselregen reißt mich aus meinen tiefsinnigen Betrachtungen. In Eile baue ich mein Biwakzelt ab und schaffe meine Habseligkeiten unter das Blätterdach, wo mich nur noch wenig von dem erreicht, was dem Grün um mich herum zum Dasein verhilft. ‚Habseligkeiten’ erinnere ich mich, war unlängst das Wort des Jahres. Ich trage nicht mehr bei mir, als ich unbedingt brauche. Trotzdem ist mein Rucksack zentnerschwer, als ich mich nach dem Regenintermezzo wieder bepacke. Wie unterschiedlich doch die Definition dessen ist, was man zum Leben braucht.

Ich erreiche am frühen Morgen den Weezer Ortsteil Wemb. Es regnet wieder. Mein Magen meldet wenig feinsinnig, dass ich ihm noch keine Aufmerksamkeit geschenkt habe. Was für ein Rüpel! Erdbeertorte mit Sahne wäre eine gute Idee. In diesem Regenwald gibt es weit und breit nichtmal Rhabarbertorte. Die Gegend liegt im Grenzgebiet. Vor nicht allzu langer Zeit herrschten hier Sumpf und Ödland. Mit dem Rad wäre ich damals nicht durchgekommen. Auch die Bewohner hatten ihre liebe Not, sich mit Anstand durch diese Landschaft zu schlammen. Heute hat’s hier alle paar Meter einen Entwässerungskanal. Gegraben wurden sie, damit die Leute was zu beißen haben. Kartoffeln und Gemüse werden hier angebaut. Im Grunde eignet sich die Gegend eher zum Reisanbau. Ist nur eine Frage der Zeit.

Die Felder und Weiden, durch die ich nun fahre, täuschen darüber hinweg, dass hier kaum mehr als ein Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von der Landwirtschaft leben können. Vielmehr ist das ländliche Idyll ein attraktiver Wohnort geworden. Bis Düsseldorf sind es nur hundert Kilometer, mit der Westbahn etwas mehr als eine Stunde. Nicht nur wetterbedingt beeindrucken mich die Siedlungen mit einer Mischung aus Neubauten und grausam aufgemotzten Bauernhäusern wenig. Die Wember Straße nach Weeze führt am Flughafen Weeze vorbei. Inzwischen regnet es in Strömen. Am Flughafenring steht ein Wachposten, der die Fahrzeuge müde durchwinkt. Später auf dem Luftbild sehe ich, dass die Start- und Landebahn erst in Wurfweite zur Grenze endet. Der etwas verschnarchte Flughafen liegt etwa siebzig Kilometer vom Düsseldorfer Flughafen entfernt. Dort starten und landen die Flugzeuge im Minutentakt, hier bekomme ich nicht eines zu Gesicht. Die Royal Air Force hat den Platz aufgegeben. Seit 2003 wird er unter dem Namen ‚Niederrhein Airport’ vor allem vom Billigflieger Ryanair genutzt, der zum Taxipreis nach Shannon fliegt.

Während ich Weeze auf der Umgehungsstraße umfahre, baut der Regen eine Wand vor mir auf. Duschwasser ist wärmer, das Berieselungsfeeling aber gleich. Ein entgegenkommender Lastkraftwagenfahrer zeigt mir den dicken Finger. Ich überlege einen Moment, ebenfalls grob zu werden, widerstehe jedoch der Versuchung. Wer seinen Bierbauch täglich hinters Lenkrad zwängen muss, um Waren von einem trostlosen Ort zum anderen zu kutschieren, verdient ein bisschen Nachsicht, wenn er versucht, seinem Leben durch etwas Schadenfreude ein Minimum an Farbe zu geben. Ich gönne ihm souverän das Gefühl der Überlegenheit und kämpfe mich verbissen weiter durch den Wasserfall, während mir Schwimmflügel wachsen.
Der Soldatenfriedhof an der Udemer Strasse ist auch nicht geeignet, meine Stimmung aufzuhellen. Kreisförmig um ein erhöhtes Denkmal sind in die Rasenfläche moosbewucherte Gedenkplatten aus Sandstein eingelassen. Sie enthalten Name, Geburts- und Todesdaten. Hier liegen Tote aus zwei Weltkriegen. Viele wurden nicht einmal Zwanzig. Die gewaltige Summe der ungelebten Leben bedrückt mich. Diese Stimmung hält bis Goch an. Auch hier sind die Folgen des letzten Weltkrieges sichtbar. Kaum ein Haus ist älter als sechzig Jahre. Was heute hier steht, ist nach dem Bomberangriff vom 7. Februar 1945 wieder aufgebaut worden. Die Stadt hat dafür bezahlt, dass die Mehrheit der Deutschen einer Ideologie folgte, die in krassem Gegensatz zur deutschen Geistesgeschichte steht.



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Kurpfälzer Asylanten in der Gocher Heide

Es regnet noch immer. Die stetig wiederkehrenden monotonen Raumfluchten der Fußgängerzonen mit den ewiggleichen Filialen einschlägig bekannter Filialisten sind nicht geeignet, meine schwermütigen Gedanken wegzufegen. Wo vor Jahren noch eigentümergeführte Geschäfte standen, hat sich ein bundesdeutscher Einheitsbrei durchsetzt. Goch hat aber mehr zu bieten als eine langweilige Fußgängerzone, nämlich das einzigartige Portrait einer Kleinstadt. Im Stadtpark hat der Fotograf Horst Wackerbarth vor wenigen Wochen die Bürger auf sein rotes Sofa gebeten, das zuvor Jahrzehnte um die Welt gereist war.
Bekannt war der Ort aber schon vorher. Er erlangte traurige Berühmtheit, als vor dreizehn Jahren der große Turm der gotischen Pfarrkirche St. Maria-Magdalena aus heiterem Himmel einstürzte. Zum Glück war niemand in der Kirche. Es war nicht das erste Mal, daß sie verwüstet wurde. Während des Dreißigjährigen Krieges überrannte der Gouverneur von Nijmegen mit über tausend reformierten Soldaten die Stadt. Sie zogen erst weiter, als sie alles, was in der Kirche nicht niet und nagelfest war, zu Kleinholz verarbeitet und verbrannt hatten. Der Bildersturm war die Rache für die ungesühnte Verleumdung ihres Predigers Cerporinus. Die Bürgerschaft hatte sich geweigert, sechzehn Bürger der Stadt dafür hinzurichten. Calvin war schon nicht zimperlich, wenn es um die ‚Feinde Gottes’ ging. Viele seiner Gefolgsleute waren noch humorloser. Wer heute über islamischen Fundamentalismus schimpft, sollte einen Blick in die Geschichtsbücher werfen. Eine Rechtfertigung ergibt sich daraus mitnichten.

Hinter der Stadt beginnt die Gocher Heide. Hier entstand vor mehr als zweihundertfünfzig Jahren ein Camp gestrandeter Asylanten. Immer schon suchten Menschen in der Fremde ein besseres Leben. Hundertzwanzig Kurpfälzer kamen dabei nicht allzu weit. Im Mai 1741 hatte sich eine Gruppe aus dem bitterarmen Hunsrück auf den Weg in das Gelobte Land aufgemacht. Ihr Ziel war es, nach Pennsylvania auswandern. Nicht nur ihre Armut in der an sich reichen Pfalz trieb sie aus der Heimat. Der Heimatforscher Emil Böhmer beschrieb es so: „Die Ansiedler stammen, wie die Acten berichten, aus allen Teilen der ehemaligen Kurpfalz. Was trieb sie, aus ihrer Heimat auszuwandern? Die Verhältnisse in der Pfalz während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die denkbar traurigsten. Mit Kurfürst Philipp Wilhelm I. war 1685 ein streng katholisches Herrscherhaus auf den Thron der Pfalz gekommen. Seitdem hatten die Streitigkeiten zwischen Evangelischen und Katholiken nie aufgehört. Die an und für sich reiche Pfalz war durch Misswirtschaft vieler Fürsten ausgesogen. Die Raubkriege Ludwigs XIV. taten das ihre, um dem verarmten Lande die letzten Blutstropfen auszupressen ... Jenseits des Oceans, in Pennsylvanien, suchten viele eine neue Heimat.“

Noch heute sind im Bundesstaat Pennsylvania (Staatsmotto: ‚Virtue, Liberty and Independence’) fast dreißig Prozent der Bevölkerung deutschstämmig. Viele davon folgten dem Ruf von William Penn, der zum ‚Holy experiment’ in Amerika aufgerufen hatte. Der in England verfolgte Quäker aus gutem Haus (sein Vater war Admiral) hatte schon siebzig Jahre vor der Reise der Hunsrücker alle Glaubensverfolgten in Deutschland eingeladen, nach Nordamerika zu kommen. Dort hatte ihm der englische König weitläufige Ländereien überlassen, um den Quälgeist loszuwerden, der für seine Zeit sehr liberale Ideen vertrat. Die ersten dreizehn Familien aus Deutschland folgten seinem Ruf bereits 1683. Sie kamen aus dem Krefelder Raum, weniger als hundert Kilometer von hier stromaufwärts: Die Pfälzer waren ziemlich spät dran. Längst hatten die Würmer Penns Gebeine blank genagt. Aber auch wenn sie früher aufgestanden wären: in Pennsylvania hätten sie ihn kaum angetroffen. Er war nur wenige Jahre dort. Dennoch überdauerte sein Mythos vom besseren Leben jenseits des Ozeans die Jahrzehnte. Dazu trugen das von ihm eingeführte liberale Wahlrecht, die volle Religionsfreiheit und seine Achtung der Rechte der Eingeborenen bei.
Die Kurpfälzer waren nicht nur spät dran, sie hatten auch noch Pech. Das Handy wurde erst knapp dreihundert Jahre später erfunden. Selbst schlechte Nachrichten brauchten damals Monate. Als sie ihre Reise antraten, war schon alles zu spät. Ihr Ausreiseprojekt war gescheitert, ehe es begann. Nur wussten sie das nicht. Der Seekrieg zwischen England und Spanien blockierte die Route. Nur wenige Schiffe kamen durch. Die Asylanten strandeten in den Hafenstädten. Überbevölkerung und Verelendung waren die Folge. Die niederländischen Grenzposten waren angewiesen, nur Auswanderer durchzulassen, die bereits eine Schiffspassage nach Amerika nachweisen konnten. Die Pfälzer wollten den Risikozuschlag des englischen Kapitäns nicht zahlen. Ihr Geiz war keine gute Idee. Die Pfennigfuchserei ging dem Kapitän auf den Senkel. Er lies die Segel setzen. Ohne Ticket kamen die Pfälzer nicht an der Grenzfeste Schenkendanz vorbei. Was also tun? Die Auswandereranwärter besetzten kurzerhand die Schiffe. Besetzungen – von was auch immer – waren auch damals bei der Obrigkeit nicht besonders beliebt. Die zuständige Kriegs- und Domänekammer in Kleve forderte die Pfälzer auf, die Schiffe umgehend wieder zu räumen. Wir dürfen annehmen, daß die Kammer sehr deutliche Worte fand. Jedenfalls räumten die Pfälzer die Schiffe und ließen den Kapitän ziehen. Nach Hause konnten sie nicht mehr, weg kamen sie auch nicht. Bleiben war also alternativlos. Die Stadt Goch verfügte in der Gocher Heide über ein zehntausend Morgen großes Gelände, das ihr vom Herzog von Geldern geschenkt worden war. Die Pfälzer nahmen ihren ganzen Charme zusammen und überzeugten – wenn auch auf dem Umweg über eine Bittschrift an Friedrich den Großen - die Stadt, ihnen das Gebiet als Siedlungsgelände zur Verfügung zu stellen. Und so kamen die Gocher zu einer Pfälzer Gemeinde. Es lag auf der Hand, sie Pfalzdorf zu nennen. Seit 1749 ist dies denn auch ihr amtlicher Name.
Die Nummer sprach sich im Hunsrück herum. Weitere Auswanderer folgten. Irgendwann wurde es den Pfälzern in Pfalzdorf zu eng. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts gab die Gemeinde einen Teil des Kalkarer Waldes zur Besiedlung frei. Es entstanden Louisendorf und Neueluisendorf. Lange blieb das Gebiet eine pfälzische Sprachinsel. Die protestantischen Siedler vermischten sich nur selten mit ihrer katholischen Umgebung. Integration stand lange Zeit nicht ganz oben auf der Agenda. Das ist auch der Grund, weshalb sie es hier mit dem Karneval nicht so doll haben. Das ‚Pälzersch’ soll heute aber nur noch von den älteren Einwohnern gesprochen werden.

Ich streife auf der Suche nach pfälzischen Spuren durch das Dorf. Hätte ich mir sparen können. Fragen kann ich nicht. Die Streusiedlung liegt verlassen vor mir. Nicht mal ein streunender Köter gibt sich die Ehre. Zur Verbesserung meiner Stimmung trägt das nicht bei, zumal das Wetter immer noch mies ist. Ich habe keine Lust, im örtlichen Backparadies nachzufragen, wie man es hier mit den Pfälzer Wurzeln hält. Die Verkäuferin kommt im Zweifel ohnehin aus Görlitz. Der Heimatforscher Jakob Immig hätte mir die Geschichte der Pfälzer Siedler erzählen können. Unglücklicherweise haben sich die Maden schon vor einigen Jahrzehnten an ihm sattgegessen. Das posthum nach ihm benannte Archiv finde ich nicht.



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Zur ‚Golden Gate vom Niederrhein’

Hinter Pfalzdorf fahre ich ein kurzes Stück durch den Reichswald, das größte zusammenhängende Waldgebiet am Niederrein. Der heute beeindruckende Wald ist kümmerlicher Rest ausgedehnten Wälder, die nach der letzten Eiszeit entstanden sind. Große Teile davon stehen unter Naturschutz. Er endet exakt an der Grenze. Im Osten zeigt das Satellitenbild, wie die viereckigen Waldparzellen in die Patchworkdecke der offenen Agrarlandschaft zwischen Goch und Kleve übergehen.
Die ersten Bäume mussten dem Ackerbau bereits in der Steinzeit weichen. Die Römer, denen der dichte germanische Laubwald zu Recht nicht geheuer war, betrieben das Projekt genussvoll weiter und bereits am Ende des Mittelalters war nur noch ein Bruchteil vorhanden. Das wiederum wissen wir aus den peniblen Berichten preußischer Beamter.
General Montgomery hätte auch auf die verbliebenen sechstausend Hektar gerne verzichtet. Drei Monate vor Kriegsende kämpften sich seine Truppen durchnässt vom Dauerregen durch den dunklen Wald. Es war mitnichten der walk-over, den er erhofft hatte. Die Panzer blieben auf den matschigen Waldwegen stecken und wurden zum leichten Ziel für die deutschen Panzerfäuste. Hinter jedem Baum konnte ein deutscher Grenadier stehen. Foot-by-foot kämpften sich die britischen und kanadischen Truppen durchs Unterholz. Ein Überlebender berichtete später der BBC: „We didn’t like the Reichswald, it was a thick forrest, mainly of pine trees mostly close together and there was an eerie silence all the time – exapt, that is, when we weren’t being subjected to heavy artillery fire in which the shells tended to explode in the trees over our heads and causing heavy casualties.”

Auch an der Stadt am Ostrand des Waldes ist der Krieg nicht spurlos vorbeigegangen. Anfang Oktober 1944 zerstörten britische Bomber die Klever Innenstadt fast völlig. Auch das Wahrzeichen der Stadt - die Schwanenburg - ist jedoch längst wieder aufgebaut. Dennoch bekommen mich keine zehn Pferde auf den Turm. Das überwältigende Niederrheinpanorama muss ohne meine Bewunderung auskommen. In der Fußgängerzone verliert sich der Radweg nach Emmerich. Just in dem Moment stehe ich vor dem Tourismusbüro. Passt. Die freundliche junge Dame versteht nicht, was ich ihr da wortreich über mangelhafte Beschilderung erzählte und erklärt ohne die geringste Ironie, dass der Wegweiser nach Emmerich um die nächste Ecke steht. Sie kann nur schlecht verbergen, daß ich nach ihrer Meinung intellektuell hart am Limit segele. Ehe sie noch auf die Idee kommt, mir über die Straße zu helfen, gebe ich Fersengeld. Vor der Tür stolpere ich über zwei Baseler, die intellektuell ebenso wenig auf der Höhe zu sein scheinen, aber wenigstens noch genug Grips haben, das Tourismusbüro zu meiden. Ich stelle mich ihnen mit meinem gerade erworbenen Geheimwissen als Leitwolf zur Verfügung. Das geht offensichtlich ihrem Schweizer Unabhängigkeitsdrang gegen den Strich. Ich vermeide den Eindruck, mich aufdrängen zu wollen, indem ich ihnen einen kleinen Vorsprung gebe. Fünf Minuten später überhole ich sie fröhlich winkend, während sie einen Ureinwohner ausquetschen. Ich werde sie nie wiedersehen. Sie verschwinden im Klever Bermudadreieck. Eigentlich hätten sie mich mit ihren Tourenrädern irgendwann überholen müssen.

Die Bundesstraße von Kleve nach Emmerich ist stark befahren. Das Nadelöhr verbindet über die Brücke bei Emmerich die linksrheinischen mit den rechtsrheinischen Städten. Dankenswerterweise haben die Planer an einen Radweg gedacht. Es sieht nach Gewitter aus. Die dunklen Wolken öffnen ihre Schleusen glücklicherweise nur für einen kurzen Platzregen. Eine halbe Stunde nach Kleve taucht endlich die ‚Golden Gate vom Niederrhein’ vor mir auf. Bereits die Römer bauten eine Rheinbrücke, obwohl sie auf der rechten Rheinseite nichts wirklich Gutes erwartete. Sie ging über vierhundert Meter von Köln nach Deutz, dem damaligen Kastel Divitia. Ihre Nachfolgerin hier oben im Norden ist etwas größer. Sie ist die längste Hängebrücke Deutschlands und spannt sich erst seit sechzig Jahren einen halben Kilometer über den Fluss und seine Auen. Mit ihren Rampen bringt sie es fast auf die dreifache Länge. Die nächsten Brücken stehen rheinabwärts in Nijmegen, rheinaufwärts in Wesel. Dazwischen behilft sich der Niederrheiner mit Fähren. Täglich wird die Brücke von mehr als fünfhundert Schiffen passiert. Seit die cleveren Römer herausbekommen hatten, dass Wasser nicht nur trennt, wurden Meere und große Ströme zu Autobahnen. So auch der Rhein. Bis heute.
Richtig beliebt wurde der Fluss erst im Mittelalter. Im Juni 1816 tauchte das erste Dampfschiff auf. Ihr zunehmender Einsatz schuf die Voraussetzungen für den Aufschwung an Rhein und Ruhr. Konnte das noch in der frühen Neuzeit gebräuchliche Oberländer Großschiff nicht mehr als fünfzig Tonnen transportieren, sind es heute Containerschubverbände. Sie können bis zu siebzig Lastkraftwagen ersetzen und stampfen mit dem vierzigfachen Gewicht unter der Brücke bergauf. Meist nach Duisburg, oder in atemberaubendem Tempo rheinab nach Rotterdam. Man stelle sich das Chaos vor, wenn dieser Güterverkehr von der ohnehin schon gut ausgelasteten Autobahn bewältigt werden müsste, die an Emmerich vorbeizieht. Gut dreizehn Prozent aller Güter, die in Deutschland bewegt werden, gehen über die großen Flüsse und Kanäle. Sie verbinden die industriellen Zentren mit der globalisierten Welt.
Der Rhein verbindet aber nicht nur. Deutschland mit den Niederlanden und dem Rest der Welt, er trennt auch. Bis heute. Mich zum Beispiel von Emmerich. Die bis zu vierzig Meter hohe Brücke mit ihrem Spielzeuggeländer treibt mir schon bei der Vorstellung, ich müsste darüberfahren, den kalten Angstschweiß auf die Stirn.



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Die älteste erhaltene Eisenbahnbrücke in Deutschland

Ich schlage mich in die Büsche. In der Nacht regnet es erneut. Am nächsten Morgen kommt die wärmende Sonne nicht eine Sekunde zu früh. Ich krieche stocksteif aus dem Biwak. Alles ist feucht, selbst im Kamerabeutel hat sich Kondenswasser gebildet. Das Objektiv ist beschlagen. Zum Frühstück also in der Sonne gedünstete Nikon. Das ist nicht wirklich witzig. Der Spaßfaktor liegt bei satten Minuswerten. Ich wünsche mich zurück an meinen gemütlichen Schreibtisch. Weit und breit leider kein Montgomery ‚Scotty’ Scott, der mich dorthin beamen könnte.

Ich rufe mich zur Ordnung. Wer sich das Recht auf ein eigenwilliges Leben herausnimmt, muss auch klaglos leiden können. Selbstironie und Selbstmitleid tragen eine blutrünstige Schlacht in mir aus. Nachdem ich meine jämmerliche Situation intellektuell so überhöht habe, daß sie schon wieder erträglich ist, hänge ich Schlafsack und Klamotten in die Morgensonne und stelle meine steifen Glieder in die wärmenden Strahlen. Danach fühle ich mich besser. Eine Stunde später mache ich mich auf den Weg zum niederländischen Grenzort Millingen. Die ‚Golden Gate vom Niederrhein’ präsentiert sich wie im Werbeprospekt. Fast zwanghaft suche ich immer neue Kamerapositionen, um die Diva auf den Chip zu bannen: Brücke mit weidenden Kühen, Sandstrand und Rheinfluten in Variationen. Leider ist die Performance der Wolken noch mittelmäßig. Wenige Stunden später wird sich das ändern, aber ich will nicht vorgreifen.

Fünf Kilometer stromabwärts schützt das Rheintor die Bewohner von Griethausen vor den gefürchteten Hochwassern. Meterhohe Schneeberge warten im Frühjahr am Oberlauf auf ihre Schmelze. Seit Jahrhunderten schwillt der Rhein jedes Frühjahr an und wird zur Bedrohung. Früher war er der König des Rheingrabens, wand sich in Schleifen, schickte Seitenarme auf ausgedehnte Ausflüge und breitete sich nach Belieben aus, wenn ihn die Schmelzwasser drückten. Der Stromverlauf änderte sich fast nach jedem Hochwasser. Manche Siedlungen wurden weggespült. So meldet eine Nachricht aus 1541: „Neill, dat dorp, is affgedrewen.“ Es lag dort, wo sich heute der Düsseldorfer Hafen ausbreitet. Andere wurden auf Anhöhen verlegt. Uerdingen zum Beispiel. Und wieder andere hatten plötzlich keinen Zugang zum Rhein mehr und mussten sich etwas einfallen lassen. In Neuss baute man den Hafen einfach in die Erftauen.
Das ewige mäandrieren und ausbüxen ging den Rheinanwohnern im vorletzten Jahrhundert schließlich so sehr auf den Senkel, dass sie ihn durchgehend mit Krippen, Buhnen und Dämmen züchtigten. Das wiederum nahm die männliche Diva keineswegs gelassen hin. Seit er in weiten Teilen begradigt und reguliert ist, schießt das Wasser der Alpen und aller sonstigen Hügel beidseits des Flusses ungebremst zur Nordsee. Erst im letzten Jahrzehnt hat man damit aufgehört, die Dämme immer höher zu bauen. Deiche kann man nicht ewig erhöhen. Irgendwann wird die Gefahr zu groß, wenn der Deich doch durchbricht. Heute setzt man darauf, dem Wasser wieder Raum zu geben. Deiche werden zurückverlegt und Auenlandschaften wiederhergestellt. Na also, geht doch.

Heute ist das Tor geöffnet. Wasser kommt ausschließlich von oben: Ich zweckentfremde das Bollwerk und stelle mich unter, bis der heftige Schauer aufhört. Als es nur noch tröpfelt und mir das Herumstehen zu langweilig wird, gehe ich zur Altrheinbrücke hinter dem Tor. Hier wurde Eisenbahngeschichte geschrieben. Ich habe einen Premiumblick auf die älteste erhaltene Eisenbahnbrücke in Deutschland. Mit ihrem Bau wurde1863 begonnen. Zweiunddreißig Jahre nach dem mit der Strecke von Essen-Kupferdreh nach Velbert-Langenberg im Ruhrgebiet das Eisenbahnzeitalter in Deutschland begann. Damals zogen noch Pferde die Wagons über die siebeneinhalb Kilometer durch das Deilthal. Erst zwei Jahre nach Beginn des Brückenbaus waren die eine Million Pfund geschmiedetes Eisen verbaut. Auf der anderen Seite des Dammes sind bei Niedrigwasser noch die Eichenpfähle sichtbar, an denen die Fischerboote vor dreihundert Jahren angepflockt wurden. Gegenwärtig sind sie überschwemmt.



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Mit dem Rad auf dem Kuhweg

Ehe ich mich die Langeweile erneut anfällt, fahre ich auf der Deichkrone weiter. In Wardhausen überquere ich das Schleusentor über dem Kanal, der die hochwassersichere Siedlung Kleve mit dem Rhein verbindet. Einige Wildenten haben hinter der Schleuse bereits ihr Winterquartier bezogen. Eine Kette fliegt wie aufgefädelt ein Stückchen weiter draußen in niedriger Höhe über den Altrheinarm. Wie auf ein Zeichen schwenkt der Schwarm in sanfter Kurve aufwärts und kippt wie ein Bombergeschwader, einer nach dem anderen, in exaktem Rhythmus dem Wasser zu.

Rund zweihunderttausend Gäste aus Sibirien, der Arktis und Russland machen es sich am Niederrhein jedes Jahr ab September gemütlich, statt sich in ihrer Heimat den Allerwertesten abzufrieren. Manche davon - wie die Graugänse - sind vor Jahren noch bis Afrika geflogen. Obwohl ihrer Gattung nicht gerade Scharfsinn nachgesagt wird, haben auch sie die Sache mit den milden Wintern bereits mitgekriegt und sparen sich die paar tausend Kilometer, die ihre Vorfahren seit etwa 25 Millionen Jahren abgeflogen sind, weil sie in einem frühen Akt der Globalisierung auf den Trichter kamen, die Klimazonen der Erde geschickt für sich zu nutzen. Einige der vor mir im Sommerwind dahingleitenden Gänse werden den Winter nicht überleben. Viele hätten auch die lange Reise nicht überlebt. Ein Nullsummenspiel mit leichtem Plus für die Art. Hart ist das Überleben in Darwins Welt nur für das Individuum.

Kurze Zeit später steht eine Kuh auf dem Radweg. Irritiert bin nur ich. Sie kennt das schon. Auf ihrem Kuhweg treiben sich ständig Lebensformen auf zwei Rädern herum. Gelassen schaut sie mir in die Augen, als wolle sie mir mitteilen, dass ich sie nicht hetzen soll. Wenig später gibt sie in ihrer großen Güte den Weg frei und trottet gemächlich zum Bauernhof hinter den Damm. Ihre Kolleginnen auf der Weide haben auch nicht mehr Interesse an mir. Interaktion mit Zweibeinern ist nicht ihr Ding.



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Schenkenschanz: Der Haudegen Martin Schenk von Nideggen

Wenig später bei Düffelward liegt eine kleine Fähre am Nordufer des Griethauser Altrhein. Der Kapitän fährt bei Bedarf, ansonsten kann er den Wildgänsen und dem Spiel der Wolken zuschauen. Ich finde das herrlich rückständig, wie aus der Zeit gefallen. Wer Ruhe finden will, sollte sich diesen Ort merken. Wer hier eine Zigarette fallen lässt, richtet vermutlich schon ein mittleres Chaos an. Ich sitze lange am Hang des Damms und genieße, was ich wohl als Idylle bezeichnen würde, hätte ich mein tägliches Brot dem örtlichen Tourismusbüro zu verdanken. Während ich dem Altrhein beim Fließen zusehe, kommt ein Gewitter auf mich zu. Noch nehme ich die dunkle Wolkenfront gelassen hin, ganz versunken im Hier und Jetzt. Der Kapitän bekommt für eine Zigarettenlänge Besuch aus dem Dorf. Ein kaum belegtes Ausflugsboot tuckert den Rheinarm hoch. Er wechselt kurz die Seite, um in der engen Fahrrinne Platz zu machen. Ein Leben in Zeitlupe. Nichts deutet hier und heute auf die bewegte Vergangenheit der ‚Schanz’ hin.

Der Haudegen Martin Schenk von Nideggen ließ hier Ende des 16.Jahrhunderts im Freiheitskrieg der Niederländer gegen die Spanier eine der stärksten Festungen Europas bauen. Sie war lange das Tor zu den Niederlanden und galt als uneinnehmbar. Die Festung wurde auf dem morastigen Boden der Insel s`Grafenward im Gabelungswinkel der Ströme Rhein und Waal errichtet. Auf alten Stichen aus dem siebzehnten Jahrhundert ist eine wasserumspülte Festung mit vor- und zurückspringenden Mauern und Wällen zu sehen, hinter denen sich die Ziegeldächer einer kleinen Garnisonsstadt erheben. Davon ist nichts erhalten. Als das niederrheinische Gebiet nachdem Wiener Kongress an Preußen fiel, wurde die Festung plattgemacht.
Martin Schenk von Nideggen war ein bunter Hund. Er diente jeweils der Seite, die ihn am besten bezahlte. Die Festung errichtete er, als er wieder Mal in niederländischen Diensten stand. Davor und danach lies er sich von den Spaniern bezahlen „allwo er sich durch verschiedene Bravouren berühmt gemacht, weilen er kühnlich etwas wagete und in Gefahren beherzt blieb.“ Der letzte Seitenwechsel endete tödlich. Bei einem Angriff auf Nijmegen fiel er mit voller Rüstung in die Fluten der Waal. Was den Ritter schützen sollte, wurde ihm im Wasser zum Verhängnis. Die Niederländer nahmen ihm den häufigen Seitenwechsel so übel, dass sie den Leichnam aus der trüben Brühe zogen, seinen Kopf vom Rumpf trennten und ihn in Nijmegen zur Schau stellten.



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Durch die Gewitterfront nach Millingen a. d. Rijn

Ich fahre auf der Deichkrone weiter. Der Himmel wird in Fahrtrichtung immer dunkler. Die Wolken bilden Türme, setzten Segel und kommen beängstigend schnell auf mich zu. Radfahrer überholen und fahren in der weit geschwungenen Rechtskurve des Deichs unbeeindruckt in die Gewitterfront. Ich bin etwas kleinmütiger und überlege, wo ich mich unterstellen kann. Immerhin sterben in Europa jährlich hundert Menschen an dieser Art Überdosis Natur. Neunmal so viele werden vom Blitz getroffen und überleben. Allerdings geht es den meisten danach nicht wirklich gut. Das vegetative Nervensystem reagiert ausgesprochen verschnupft auf den Gigaelektroschock.
Auf der Höhe von Keken fängt es an zu schütten. Der Schlipsträger, mit dem ich mich gerade unterhalten habe, flüchtet im Laufschritt in sein Auto. Ich mache es ihm nach. Ausgiebig geduscht, finde ich im Dorf eine überdachte Bushaltestelle. Gepriesen sei der öffentliche Nahverkehr! Es rumst über eine halbe Stunde. Der Regen prasselt auf das Wellblechdach. Nach diesem aufregenden Abenteuer fahre ich weiter Richtung Millingen.
Im Gegensatz zu Emmerich hat sich die Stadt völlig vom Rhein abgeschottet. Hier hatte man irgendwann die ewigen Überflutungen satt und baute einen mächtigen Hochwasserdamm. Ich irre ein bisschen umher und werde schließlich mit dem örtlichen Konsumtempel belohnt. Dort packe ich mir den Rucksack voll und mache mich auf den Rückweg.

Auszug aus meinem Reisebuch „Guido Block-Künzler: Einmal Aachen und zurück – mit dem Rad rund um Nordrhein-Westfalen“


 

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